Berufsorientierung in Förderschulen gestalten

Bianca Lenz, INBAS GmbH

Berufsorientierung ist ein wichtiger Bestandteil in der Arbeit mit Jugendlichen an Förderschulen - nicht erst seit deren Einbezug in die hessenweite Strategie OloV im Sommer 2010.Wie gestalten hessische Förderschulen Berufsorientierung? Dies war das Thema einer von INBAS durchgeführten Befragung der an OloV beteiligten Förderschulen. Der Artikel fasst zentrale Ergebnisse aus der Befragung zusammen.

 

Die Befragung zielte darauf, den Umsetzungsstand der Schulen bezogen auf die OloV-Qualitätsstandards zu erheben und die Regionen in der Einbindung der Förderschulen zu unterstützen. Als Nebeneffekt bot die Befragung den Schulkoordinationen - den Adressaten der Befragung - einen (weiteren) Anlass zur Auseinandersetzung mit der OloV-Strategie.

Hintergrundinformationen: Förderschulen seit 2010 in OloV einbezogen

Hessische Förderschulen - in erster Linie Schulen für Lernhilfe sowie für Erziehungshilfe - wurden mit Beginn des Schuljahres 2010/2011 in die hessenweite Strategie OloV einbezogen.

OloV brachte für die Förderschulen folgende Veränderung:

  • Benennung von Schulkoordinationen: Sie übernehmen gemäß den OloV-Qualitätsstandards schulintern die Federführung in der konzeptionellen Gestaltung und Weiterentwicklung der Berufsorientierung. Dazu benötigen sie die volle Unterstützung durch die Schulleitung sowie ein Kollegium, das gemeinsam an der Umsetzung arbeitet.

  • Einbezug in die OloV-Strukturen: Alle regionalen OloV-Steuerungsgruppen entwickelten Formen der Zusammenarbeit mit den Förderschulkoordinationen. Zum Beispiel gründeten sie Arbeitskreise oder Fachzirkel, um hierüber einen kontinuierlichen Austausch zur Weiterentwicklung der Berufsorientierung zu etablieren. In manchen Regionen arbeiteten die OloV-Steuerungsgruppen und die Förderschulen bereits "vor OloV" zusammen.

  • Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Berufsorientierung wurde gestärkt.

Grafik 1: Wie stark ist die Berufsorientierung in den Schulen bereits verankert?

Konzeptionelle Verankerung der Berufsorientierung weit voran geschritten

Vor allem in den vergangenen fünf Jahren erarbeiteten die Förderschulen Konzepte und systematisierten die schulinterne Berufsorientierung.

Die meisten Förderschulen haben ihre Berufsorientierung bereits konzeptionell fundiert: 80 Prozent der Schulen verfügen über ein Berufsorientierungskonzept; über 80 Prozent der Förderschulen haben die Berufsorientierung im Schulprogramm verankert.

Den Umsetzungsstand der Berufsorientierungskonzepte schätzten die meisten Schulkoordinationen als sehr hoch bis vollständig umgesetzt ein.

Handlungsbedarf: Verbindlichkeit stärken und Kollegium motivieren

Handlungsbedarfe bestehen aus Sicht der Schulkoordinationen insbesondere in der (Weiter-)Entwicklung der Curricula, womit auch eine Systematisierung und erhöhte Verbindlichkeit in der (fächerübergreifenden) Berufsorientierung beabsichtigt ist. Für die Schlüsselpersonen an den Schulen, die Schulkoordinationen, besteht eine Herausforderung darin, ihr Kollegium zur Mitarbeit zu motivieren.

Berufsorientierung beginnt meist in der 7. Klasse

Die OloV-Qualitätsstandards empfehlen den Einstieg in die Berufsorientierung ab der 7. Jahrgangsstufe. Die Förderschulen setzen diese Empfehlung bereits um: In 76 Prozent der Schulen beginnt die Berufsorientierung spätestens in der 7. Klasse - 19 Prozent der Schulen steigen bereits in der 5. bzw. 6. Klasse in den Berufsorientierungsprozess ein.

Curricula zur Berufsorientierung haben bislang knapp die Hälfte der Schulen entwickelt. 46 Prozent der Schulen planten die Curriculumsentwicklung. Sie identifizierten an diesem Punkt einen Weiterentwicklungsbedarf.

 

Grafik 2: In welcher Jahrgangsstufe erfolgt der Einstieg in die Berufsorientierung?

Praxisphasen finden in der 9. Klasse besonders häufig statt

Praktika sind gerade für Schülerinnen und Schüler an Förderschulen wichtige Phasen zum Sammeln von Erfahrungen, zum Lernen und Orientieren sowie zur Motivation.

In gut 90 Prozent der Schulen finden in der 8. sowie in der 9. Klasse Praktika statt. Kontinuierliche Praxistage, bei denen die Schülerinnen und Schüler etwa über ein Halbjahr hinweg wöchentlich ein bis drei Tage in einem Betrieb verbringen, werden vor allem in der 9. Klasse durchgeführt (60 Prozent). Vergleichsweise häufig finden Praxistage auch in 10. Klassen statt.

Intensive Betreuung in den Praxisphasen notwendig

Die OloV-Qualitätsstandards fordern eine Vor- und Nachbereitung der Praxisphasen in den Schulen. Förderschülerinnen und -schüler benötigen eine besonders intensive Betreuung, auch in Bezug auf Praxisphasen - Lehrkräfte und andere Betreuungsfachkräfte bieten eine umfassende Unterstützung.

In der Regel ist die Klassenlehrerin bzw. der Klassenlehrer für die Vor- und Nachbereitung sowie die Betreuung während der Praktika zuständig.

Interessen und Neigungen, Stärken und Schwächen werden teilweise in der Vorbereitungsphase mit den Jugendlichen reflektiert, um die zielgerichtete Suche nach der Praktikumsstelle zu unterstützen. Vielfach erhalten die Schülerinnen und Schüler Hilfe, wenn sie selbstständig keinen Praktikumsplatz finden. Rechte und Pflichten im Praktikum, Arbeits- und Jugendschutz, Arbeitsverhalten und andere Themen besprechen die Lehrkräfte im Vorfeld mit den Jugendlichen, teilweise üben sie Verhaltensweisen in Rollenspielen ein.

Die Betreuung ist sehr zeitintensiv. Einige Schulkoordinationen wiesen darauf hin, dass die betreuende Lehrkraft nach Möglichkeit freigestellt wird. Teilweise unterstützen weitere Betreuungsfachkräfte wie Arbeitscoaches die Lehrkräfte. Die Praxisphase wird durch Praktikumsberichte, Präsentationen und Plakate mit den Schülerinnen und Schülern nachbereitet.

Kooperationspartner Nr. 1: die Agentur für Arbeit

Förderschulen kooperieren zur Umsetzung und Gestaltung der Berufsorientierung mit mehreren Partnern. Fast alle Schulen arbeiten mit der Agentur für Arbeit zusammen. Auch mit beruflichen Schulen und Betrieben sind mehr als drei Viertel aller Förderschulen Kooperationen eingegangen. Bildungsträger sind für knapp zwei Drittel der Schulen Partner in der Berufsorientierung.

Förderschulen wünschen sich mehr Kooperation mit der Wirtschaft

Insgesamt wünschen sich viele Förderschulen eine intensivere Kooperation mit der Wirtschaft. Ein wichtiges Anliegen ist für sie, dass Betriebe und Kammern die Bedürfnisse von Förderschülerinnen und -schülern stärker berücksichtigen. Dies bezieht sich einerseits auf das Angebot an Praktikums- sowie Ausbildungsplätzen, andererseits auf Informationen und die Zusammenarbeit mit den Kammern. Zu theoriegeminderten, zweijährigen Ausbildungsberufen ist der Informationsbedarf der Lehrkräfte hoch. Gleichermaßen ist eine Sensibilisierung der Betriebe aus Sicht der Lehrkräfte notwendig.

Die Pflege von Kooperationen zur Wirtschaft ist zeitaufwändig. Einige Schulkoordinationen bemängelten, dass hierfür nicht ausreichend Zeitressourcen zur Verfügung stünden. Doch ist die Kontaktpflege zu kooperierenden Betrieben gerade im Hinblick auf das vielfach problembelastete Klientel der Förderschülerinnen und -schüler wichtig. Darauf verweist auch die Evaluation des Projektes SchuB (Jasmin Ohmenzetter, Jasmin / Schönfeld, Vanessa (2010): AnSchuB für benachteiligte Jugendliche – Evaluationsergebnisse des ersten SchuB-Jahres an der Karl-Krolopper-Schule in Kelsterbach).

Grafik 3: Mit welchen Partnern kooperieren Schulen in der Berufsorientierung?

Unterstützung und Zusammenarbeit stärken

Ziel der Lehrkräfte ist es, dass ihre Schülerinnen und Schüler auf dem regulären Ausbildungsmarkt Fuß fassen können. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigen sie in der Umsetzung der Berufsorientierung und der Förderung der Ausbildungsreife die Unterstützung durch die Partner aus der Wirtschaft - Betriebe sowie Kammern und Verbände -, die Agentur für Arbeit sowie durch das Kultusministerium, das Staatlichen Schulamt und die Kommunen. Sie wünschen sich daher insbesondere die Unterstützung der in OloV vertretenen Akteure.

Weiterentwicklung der OloV-Qualitätsstandards

Die OloV-Qualitätsstandards entwickelte INBAS in Zusammenarbeit mit Vertreter/innen aus den Regionen und den Partnern des Hessischen Ausbildungspaktes mit Blick auf die Bildungsgänge Haupt- und Realschule.

Welche Modifizierungen oder Ergänzungen in Bezug auf die Förderschulen gegebenenfalls nötig sind, wird in den folgenden Jahren zu erörtern sein. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Förderschulen wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des hessenweiten "OloV-Prozesses" geben können.

ENDE