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"Entweder wir finden einen Weg oder wir machen einen" - Fazit eines OloV-Koordinators

Ralph Kersten, Projektleiter des Übergangsmanagements Schule - Beruf im Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration der Stadt Offenbach am Main, verabschiedet sich ab April 2018 in den Ruhestand und spricht in einem Abschlussinterview über seinen persönlichen beruflichen Werdegang und seine langjährige Tätigkeit als OloV-Regionalkoordinator der Stadt Offenbach.

M. Sittig: Wenn Sie rückblickend Ihre Berufsbiografie betrachten, wie sind Sie mit dem Aufgabenfeld Schule bzw. Übergang Schule - Beruf in Berührung gekommen?

R. Kersten: Das hat relativ früh angefangen. Ich habe in Berlin Lehramt studiert. Zu dieser Zeit war der Arbeitsmarkt für Lehrer sehr eng, sodass es nicht einmal Referendarstellen in Berlin gab. Vor diesem Hintergrund bin ich dann in den Bereich "Deutsch als Fremdsprache" gelangt, wo es damals bereits Kurse gab, die im Übergang Schule - Beruf angesiedelt waren. Das waren Maßnahmen zur beruflichen und sozialen Eingliederung von ausländischen Jugendlichen. In diesem Kontext habe ich Deutsch unterrichtet. Dann wechselte ich in den Bereich "Fortbildung" und habe Fachkräfte für "Deutsch als Fremdsprache" qualifiziert. Wir haben ein paar kleine Projekte gemacht, und das hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen. Später bin ich eine Zeit lang im Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (INBAS) tätig gewesen, und auch da lag der Schwerpunkt immer in den Bereichen Jugendberufshilfe, Fortbildung, Selbstevaluation, neue Formen beruflicher Orientierung bzw. darin, Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit zu reformieren. Rückblickend war ich in einer Vielzahl von verschiedenen Projekten tätig, die thematisch sehr eng an den Übergang Schule - Beruf gekoppelt waren.

"Ich fand es immer gut, alle drei, vier Jahre etwas anderes zu machen."

Im Gegensatz zu vielen anderen fand ich es auch immer gut, alle drei, vier Jahre etwas anderes zu machen, weil ich es sinnvoll finde, neue Anregungen zu erhalten. Das hat sich bis heute so durchgezogen: Auch in der Stadt Offenbach hatten wir in den letzten neun Jahren verschiedene Projekte. Einerseits liegt das an der Finanzierung, andererseits haben wir versucht, das Positive aus einem Projekt zumindest teilweise in das nächste zu überführen, sodass eine Form von Tradition und rotem Faden erkennbar ist.

M. Sittig: Wie sind Sie Regionaler Koordinator in der Stadt Offenbach geworden?

R. Kersten: Das ist eigentlich eine ganz witzige Geschichte. Ich war damals bei INBAS beschäftigt und die Stadt hat angefragt, ob ich einen Antrag für das Bundesprojekt "Regionales Übergangsmanagement" stellen könnte. Ich habe den Antrag geschrieben, der auch bewilligt wurde, und es stellte sich die Frage: Wer füllt das aus? Ich habe dann gesagt "Ich würde das, was wir theoretisch vermitteln, auch gerne einmal selbst erproben." Damals war ich bei INBAS auch noch am Aufbau der Landesstrategie OloV mitbeteiligt, kannte aus Hessen relativ viele Protagonisten in diesem Feld und hatte mir oft überlegt, wie das wohl ist, selbst in einer Kommune bestimmte Dinge umzusetzen.

"...und plötzlich war ich Teil dieser Steuerungsgruppe."

Der Rollenwechsel war dann nicht so einfach, da ich vorher „von außen“ in die Steuerungsgruppe gekommen war und plötzlich war ich Teil dieser Steuerungsgruppe. Das ist durchaus was anderes. Bis meine neue Rolle dann akzeptiert war, hat es schon eine längere Zeit gedauert. Aber dann wurde es relativ einfach und überschaubar. Und das ist auch heute noch so. Wir kooperieren sehr, sehr gut und ich habe den Eindruck, dass die Partner schätzen, was wir hier machen. Vor diesem Hintergrund war es dann folgerichtig, dass ich irgendwann selbst die Regionale Koordination übernommen habe, weil wir bei der Kommune im Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration auch das Übergangsmanagement für den schulischen, den betrieblichen und den strategischen Bereich angesiedelt haben. Für die Kommune macht es Sinn, dass wir die Verantwortung übernehmen, weil wir einerseits für die Zielgruppen verantwortlich sind, andererseits aber auch so in der Mitte stehen, dass wir mit allen gut kooperieren können.

M. Sittig: Wie schafft man es alle Interessen in der Region zu bündeln?

R. Kersten: Für die Steuerungsgruppe der Stadt Offenbach war aus meiner Sicht sehr wichtig, dass wir irgendwann angefangen haben, Klausurtagungen durchzuführen, um die Zielplanung für das kommende Jahr festzulegen. Es handelte sich dabei um Veranstaltungen, die anderthalb Tage dauerten und in externen Tagungshäusern stattfanden. Dadurch konnte man sich auf die Inhalte konzentrieren und gleichzeitig wurde der informelle Austausch gestärkt. Wir haben abends zusammen gesessen und auch über andere Sachen geplaudert und viel zusammen gelacht. Ich denke, das war wichtig für die Entwicklung und die Stimmung in diesem Steuerungskreis. Wenn ein anderer Partner dazu gekommen ist, war das kein Problem, diesen in die Klausurtagung zu integrieren. Und irgendwann ist aus dieser Zielplanung das Projekt "Abschluss mit Anschluss" entstanden, an dem alle Partner beteiligt sind, indem jeder etwas in die Zusammenarbeit einbringt. Das ist eine gute Grundlage, sowohl für den Steuerungskreis als auch für die Zusammenarbeit, gemeinsame Ziele zu entwickeln, an der Umsetzung beteiligt zu sein und immer wieder zu schauen: Funktioniert es oder funktioniert es nicht, oder wo müssen wir eigentlich noch nachlegen?

M. Sittig: Sie beschreiben die Klausurtagungen als wichtiges Element der Zusammenarbeit. Gibt es diese in der Form heute noch?

R. Kersten: Wir haben immer noch Klausurtage. Damals konnte man sie über OloV finanzieren, was ich als wichtigen Aspekt erachte. Die Finanzierungslage änderte sich zwischenzeitlich, aktuell ist die Durchführung wieder möglich. Moderiert von der Leiterin der hessenweiten OloV-Koordination, Monika von Brasch von INBAS, wurde vor kurzem ein Klausurtag durchgeführt, bei dem es um die Stärkung der dualen Ausbildung ging. Wir haben gemeinsam mit der KAUSA-Servicestelle ein Modell entwickelt, durch das Bewerbungs-AGs in Schulen stattfinden können. Derzeit überlegen wir, wie man das Angebot auf alle Schulen in Offenbach verbreitern kann und wie weitere Partner einbezogen werden können.

"Eigentlich wird an einem Strang gezogen."

M. Sittig: Sind in Ihrer Rolle als Regionaler Koordinator in den gemeinsamen Steuerungsgruppen-Sitzungen oder auf den gemeinsamen Klausurtagungen schon einmal Schwierigkeiten aufgetreten?

R. Kersten: Eigentlich wird an einem Strang gezogen. In der Geschichte der Steuerungsgruppe gab es natürlich verschiedene Konfliktthemen, die wir immer bearbeitet haben. Und das Wichtige ist, dass man bei Konflikten Partner hat, die auch noch mal sagen: "Das ist gar nicht so dramatisch. Lasst uns gemeinsam in eine Richtung gehen." Frei nach Hanibal: "Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen." Das stärkt insgesamt den Steuerungskreis. Und wir haben parallel in der Stadt andere Foren, wo dann die Geschäftsführer oder Amtsleiter noch mal zusammenkommen. Es gibt beispielsweise ein Forum "Bildung", das von dem jeweiligen Bildungsdezernenten auch mitgeführt wird. In der Steuerungsgruppe sind Vertreter verschiedener Institutionen wie der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter, die sind auf der Arbeitsebene tätig, sie wissen, was umsetzbar ist — oder was nicht.

M. Sittig: Wenn etwas als nicht umsetzbar eingeschätzt wird, wie gehen Sie damit um?

R. Kersten: Manche Dinge brauchen mehr Zeit. Manche gehen nicht von heute auf morgen, sondern man muss dann strategisch noch mal gucken, wie man das an anderen Punkten wieder einbinden kann. Und meines Erachtens haben wir immer wieder alles, was wir eigentlich wollten, auch umgesetzt. Manchmal eben mit dem längeren Atem, der dann notwendig ist, um am Ball zu bleiben.

M. Sittig: Wenn Sie nun Bilanz ziehen über Ihre Zeit als Regionaler Koordinator, wie zufrieden sind Sie?

R. Kersten: Also ich bin zufrieden mit dem, was wir hier in der Stadt erreicht haben und auch mit dem, was ich vorher bei INBAS oder anderen Arbeitgebern umgesetzt habe. Da ist viel passiert. Es gibt ein paar Dinge, die sich anders entwickelt haben, die so nicht absehbar und auch nicht steuerbar waren. Aber ich finde, es hat immer wieder Sinn gemacht, neu anzufangen und neue Dinge zu entwickeln.

"Man muss das Rad nicht jedes Mal wieder neu erfinden."

Wenn man lange in dem Feld tätig war, weiß man, dass eben manchmal Wellenbewegungen stattfinden. Die Politik reagiert auf aktuelle Ereignisse und gibt dafür Fördermittel frei. Einige der heutigen Formate und Themen waren früher bereits Förderschwerpunkte, wie etwa die Ausländerpädagogik und Sprachentwicklung. Schon damals gab es z. B. Multiplikatoren-Fortbildungen für Lehrkräfte. Man muss manchmal auch innehalten und gucken, was hat man eigentlich alles schon? Man muss das Rad nicht jedes Mal wieder neu erfinden. Oft ist viel Wissen und Erfahrung vorhanden, das man für die verschiedenen Bereiche gut nutzen kann.

M. Sittig: Wenn Sie Ihren Blick nun in die Zukunft richten: Was würden Sie Ihrer Nachfolgerin mitgeben?

R. Kersten: Also, ich glaube, sie bringt viel Erfahrung mit und hat sich schon in der Vergangenheit in den pädagogischen Bereich mit Herzblut eingebracht. Und wenn sie Unterstützung braucht, findet sie diese bei Mitgliedern des Steuerkreises oder im Kollegenkreis.

"Wichtig ist, auf Augenhöhe und gegenseitiger Akzeptanz zu agieren."

M. Sittig: Haben Sie eine allgemeine Empfehlung bzw. Tipps für OloV-Neulinge?

R. Kersten: Also das Erste ist, sich den aktuellen Status Quo anzugucken und auf dieser Basis das Konzept weiter zu entwickeln. Es muss nicht immer alles neu erfunden werden. Dabei kann man seine eigenen Ideen einbringen, aber man sollte darauf achten, wie sich das soziale Gefüge dadurch verändert, dass eine neue Person hineinkommt. Wichtig ist, auf Augenhöhe und gegenseitiger Akzeptanz zu agieren und nicht mit Gewalt seine Ideen vorwärts zu treiben. Das ist die Grundlage von Steuerungskreisen. Weiterhin sollte man beachten, dass jeder aus einer anderen Institution kommt. Jede Institution hat ihre eigene Denkweise und Vergangenheit, die sie sinnbildlich gesehen mit auf dem Rücken trägt. Und da ist es ganz wichtig, sich einzufühlen. Das ist, glaube ich, zentral für so eine Form von Zusammenarbeit.

M. Sittig: Gibt es noch etwas, das Sie rückblickend aus der Perspektive des Regionalen OloV-Koordinators loswerden möchten?

R. Kersten: Ich glaube, es war wichtig, dass sich die im Land Verantwortlichen gegenüber den OloV-Akteuren geöffnet haben. Aus meiner Sicht könnte man weiterhin überlegen, die Regionale Koordination längerfristig zu finanzieren. Ich glaube, dass so eine kommunale Koordinierung, wie es sie auch in anderen Bundesländern gibt, eine zukunftsweisende Orientierung bietet. Sie kann sich einbringen bei Aufgaben wie: Transparenz herzustellen, Akteure zusammenzubringen, Netzwerke zu pflegen, innovative Ideen vor Ort zu fördern. In Hessen ist die Regionale Koordination in unterschiedlichen Institutionen angesiedelt, manchmal mit ausgewiesenen Stundenanteilen, teilweise quasi als eine Art ehrenamtliche Tätigkeit, wodurch ein kontinuierlicher Einsatz erschwert wird. OloV lebt von der Vielfalt und Lebendigkeit vor Ort, aber auch von der Akzeptanz und Gesprächsbereitschaft auf Landesebene. Die wichtigen Anregungen aus den Regionen, die auch widerspiegeln, ob etwas funktioniert oder nicht, ob Reibungspunkte entstehen oder positive Entwicklungen eingeleitet werden, sollten in die Weiterentwicklung von Landes- und Bundesprogrammen genutzt werden. Nur so kann die OloV-Strategie auf Dauer Bestand haben.

M. Sittig: Vielen Dank für das Interview, Herr Kersten.

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