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Neun Jahre OloV - eine persönliche Bilanz

Von Anfang an hat Peter Rill die Entwicklung von OloV im Main-Taunus-Kreis miterlebt, er hat als Regionaler Koordinator gemeinsam mit seiner Kollegin Lydia Karell die regionale Umsetzung der OloV-Strategie mitgestaltet. Kurz vor seiner Verabschiedung in den Ruhestand schildert er seine Erfahrungen und formuliert Empfehlungen an OloV-Neulinge.

M. Sittig: Wenn Sie rückblickend Ihre Berufsbiografie betrachten, wie sind Sie mit dem Aufgabenfeld Schule bzw. Übergang Schule - Beruf in Berührung gekommen?

P. Rill: Nach dem Studium "Diplom-Pädagogik" habe ich 1976 angefangen, in der offenen Jugendarbeit zu arbeiten. Dort bin ich auch geblieben und war viele Jahre im Jugendzentrumsbereich tätig. Ich bin dann zum Kreis gewechselt, habe dort die Jugendarbeit koordiniert und gleichzeitig viele Projekte im Bereich Erlebnispädagogik durchgeführt. Das bis Ende der 1990er Jahre mein Aufgabenspektrum. Parallel dazu war ich in der Jugendberufshilfe aktiv. Wir hatten im Kreis auch eine Beratungsstelle aus dem Beratungsstellenprogramm. Ich muss zugeben, dass für mich die Jugendberufshilfe und das Thema Beruf aus der Sicht eines Jugendarbeiters eher ein trockenes Thema war, bei dem es wirklich um die harte Realität der Vermittlung in Ausbildung und Beruf ging. Und es war auch damals schon so, dass es in diesem Feld tausend Projekte, tausend Abkürzungen und Maßnahmen gab. Deswegen wurde damals in Frankfurt das "Frankfurter Dschungelbuch" verfasst. Diese beinahe undurchdringliche Vielfalt war ursprünglich nicht unbedingt so attraktiv für mich.

Dann habe ich mich seit 2001 stärker mit dem Thema Jugendsozialarbeit in Zusammenhang mit dem Ausbau von Schulsozialarbeit beschäftigt und war bei dem damaligen Jugendamt für den Bereich "Ausbau der Schulsozialarbeit" zuständig. Zu dieser Zeit wurde das Fachstellenprogramm "Berufshilfe" des Landes Hessen aufgelegt, das in einen strategischen und operativen Teil gegliedert war. Mich hat von vornherein der strategische Teil mehr interessiert. Das heißt, wir haben einem freien Träger den operativen, an eine Beratungsstelle gebundenen Teil übergeben und ich habe mich dann ab 2001, seitens des Kreises, mehr um die strategische Abstimmung zwischen Jugendhilfe, Sozialhilfe und so weiter gekümmert. Wir haben 2001 auch schon eine Facharbeitsgemeinschaft "Jugendberufshilfe" gegründet mit ähnlichen Akteuren wie später dann im OloV-Netzwerk. Das Fachstellenprogramm "Berufshilfe" wurde 2004 im Rahmen des Landesprojektes "Operation Sichere Zukunft" eingestellt. In der Übergangsphase habe ich die Facharbeitsgemeinschaft "Jugendberufshilfe" weitergeführt. Also, ich bin ursprünglich aus der Jugendarbeit kommend über die Jugendsozialarbeit in die Jugendberufshilfe mit Schwerpunkt im strategischen Teil gelangt.

"Mich hat von vornherein gereizt, dass mit OloV Verbindlichkeit angestrebt wird."

M. Sittig: Wie wurden Sie dann Regionaler Koordinator im Kontext von OloV?

P. Rill: 2008 wurde das Programm als "Initiative OloV" gestartet und die Kreise sollten klären, ob sie sich daran beteiligen. Mich hat von vornherein gereizt, dass mit OloV eine größere Vereinheitlichung und Verbindlichkeit angestrebt wird. Wir haben dann hier diskutiert, wie das angesiedelt werden könnte und kamen zu einer Struktur, die bis heute weiter fortgeführt wird. Die Regionale Koordination ist in zwei Bereichen angesiedelt, in die Jugendhilfe und in die Sozialhilfe — oder das SGB II und das SGB VIII. Meine Kollegin Lydia Karell aus dem Amt für Arbeit und Soziales und ich teilen uns die Aufgaben der Regionalen Koordination. Dem haben unsere beiden Dezernenten zugestimmt und so sind wir beide Regionale Koordinatoren geworden. Aus der Facharbeitsgemeinschaft "Jugendberufshilfe" haben wir dann das Netzwerk "Jugend und Beruf" gemacht.

M. Sittig: Wie gestaltet sich das praktisch, Ihre Rolle gemeinsam mit Frau Karell in OloV wahrzunehmen?

P. Rill: Ja, wir haben so eine gewisse Arbeitsteilung. Aufgrund ihrer Stellenbeschreibung steht Frau Karell mehr Zeit für OloV zur Verfügung, während ich das immer nur als einen kleinen Teil meiner Gesamtaufgaben wahrgenommen habe. Frau Karell hat sehr viel im praktisch operativen Teil übernommen. Sie hat Ideen entwickelt für Broschüren, für Veranstaltungen, für Projekte, für den Internetauftritt oder für Maßnahmen wie "Tag des offenen Betriebes". Ich habe mehr so die Rolle desjenigen inne, der das strategische Backup hat oder auch in der Entscheider-Ebene beim Kreis vermitteln konnte, was in OloV getan wird. Manchmal konnte ich auch nach außen bei Tagungen ein bisschen offensiver für den Main-Taunus-Kreis in Erscheinung treten. Ich würde mal sagen, wir haben beide unsere persönlichen Kompetenzschwerpunkte eingebracht.

"Natürlich musste erst einmal Transparenz geschaffen werden."

M. Sittig: Was war in der Anfangszeit von OloV zu tun? Wie sah damals der Arbeits- und Ausbildungsmarkt aus und was haben Sie strategisch alles initiiert?

P. Rill: Wir haben es damals schon so verstanden, dass ein wesentlicher Anlass für OloV ein drohender Fachkräftemangel war, ausgelöst durch demografische Entwicklungen, aber auch durch die Entwicklung, dass der Verbleib im schulischen System gegenüber dem Einstieg in die duale Ausbildung immer mehr in den Vordergrund rückt. Und als Drittes, dass auch einfach eine Gruppe junger Menschen, die bisher keinen Zugang zum Ausbildungsmarkt gefunden hat, jetzt dringend gebraucht wird, um diese Lücke aufzufüllen. Das heißt, wir haben sehr früh weniger vor dem Hintergrund von Jugendarbeitslosigkeit operiert, sondern vor dem Hintergrund, dass ein bestimmter Teil junger Menschen keinen Zugang zum Ausbildungsmarkt findet, entweder, weil sie nicht für geeignet befunden werden oder weil sie weiter auf die Schule gehen wollen, und haben in den Diskussionen und Maßnahmen an diesem Punkt angesetzt.

Wir haben beispielsweise eine Tagung mit dem Titel "Schule und was dann?" durchgeführt und einen Ordner "Plan A Berufsausbildung" erarbeitet. Diese Maßnahmen fokussieren darauf, direkte Übergänge oder Einstiege in die duale Berufsausbildung zu ermöglichen und hierfür ein Bewusstsein bei den jungen Menschen und deren Eltern zu schaffen. Es gab auch Projekte, Elternabende anders zu gestalten und Eltern auch mal anders anzusprechen. Natürlich musste erst einmal Transparenz geschaffen werden. In der Anfangsphase haben wir sehr bald ein großes Plakat gemacht, das die verschiedenen Wege nach Ausbildungsabschlüssen oder nach schulischen Bildungsabschlüssen aufzeigt — also wie man beispielsweise über eine duale Ausbildung einen mittleren Bildungsabschluss erreichen kann oder wie man über Ausbildung und weitere Stufen sogar bis in ein Studium gelangen kann. Auch bei dem Internetauftritt, der ab 2010/2011 dann gemeinsam erarbeitet wurde, gab es immer die Zielrichtung, Wege zu ebnen, damit die Jugendliche direkt in eine Ausbildung gehen können.

"Der Wert eines Austausches war eigentlich schon immer da. Mit OloV hat er noch mehr Verbindlichkeit bekommen."

M. Sittig: Wie haben Sie es geschafft, sozusagen als "OloV-Dompteur", also als Stratege, alle Interessen gemeinsam zu bündeln? Haben Sie positive Erfahrungen gemacht oder gab es auch mal Schwierigkeiten?

P. Rill: Der Main-Taunus-Kreis ist natürlich zum Glück einigermaßen überschaubar, was die Akteure und die Zahl der freien Träger, Bildungsträger und so weiter angeht. Daher gab es schon seit Anfang der 2000er Jahre viele bekannte Gesichter und kurze Wege, um die Leute einzubinden. So haben wir, als wir "OloV, das Netzwerk" gestartet haben, davon profitiert, dass wir viele der Personen schon seit etlichen Jahren kannten und dass sie auch freiwillig und gerne in die gemeinsamen Sitzungen gekommen sind. Der Wert eines Austausches war eigentlich schon immer da. Mit OloV hat er noch mehr Verbindlichkeit bekommen. Das heißt, man konnte eher sagen, "das sind unsere gemeinsamen Ziele und das ist hinterlegt mit entsprechenden Qualitätsstandards". Wir hatten auch gute Mitstreiter von der Agentur für Arbeit, der Industrie- und Handelskammer auch von Seiten des Schulamtes, die Impulse gesetzt haben. Es ist sicherlich anstrengend, Akteure unterschiedlicher Institutionen mit unterschiedlichen Aufträgen zusammenzubringen, aber das war immer verbunden mit einer persönlichen Ebene von Wertschätzung.

M. Sittig: Das heißt, Sie schätzen Ihre Erfahrungen als positiv ein?

P. Rill: Ja, auf der Ebene der Akteure vor Ort auf jeden Fall. Was ich schwierig fand und auch nach wie vor schwierig finde, ist, dass Institutionenvertreter natürlich immer vor dem Hintergrund von Entscheidungen agieren und Aufträge abarbeiten, die in den Zentralen formuliert werden. Das heißt, zentral gesteuerte Programme wie z.B. "Berufseinstiegsbegleiter" oder "KomPo7" oder "Jugendarbeitsagenturen", werden in den Regionen umgesetzt und niemand auf der örtlichen Ebene kann darauf eigentlich wirklich Einfluss nehmen. Oft ging es darum, diese Programme sinnvoll in die bereits bestehenden Strukturen zu integrieren und Doppelungen zu vermeiden. Dazu muss man sich austauschen, das ist sehr wichtig und das haben auch alle immer gerne wahrgenommen.

"Ich halte OloV nach wie vor für einen richtigen Ansatz."

M. Sittig: Wenn Sie jetzt insgesamt Bilanz ziehen: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Wirken?

P. Rill: Ich halte OloV nach wie vor für einen richtigen Ansatz einheitlicher Qualitätsstandards, die über Jahrzehnte in der Jugendberufshilfe entwickelt wurden und nun als Orientierung gelten. Das fand ich von vornherein eine hervorragende Idee und einiges ist davon weiter getragen worden, beispielsweise in die schulischen Erlasse zur Studien- und Berufsorientierung. Die Erlasse sind im Prinzip ein direktes Abbild der OloV-Standards, wenn man sie sich genauer anschaut. Insofern bin ich zufrieden, dass diese Eingang gefunden haben.

Auf der persönlichen Ebene bin ich hier im Main-Taunus-Kreis sehr zufrieden, weil wir immer eine gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit allen Akteuren haben, die Wege kurz geworden sind und sich daraus immer wieder gute Sachen ergeben. So beispielsweise im Kontext mit der regionalen Strategie, die wir im letzten Jahr formuliert haben und mit einigen Projekten, die jetzt fördertechnisch wieder möglich sind.

Ein wenig schade war es, dass wir mit dem Wegbrechen von Veranstaltungsmitteln ein paar Jahre lang ein bisschen ein zahnloser Tiger waren. Also, wir konnten nicht viel machen. Wir konnten uns viel austauschen und besprechen, auch ein paar Publikationen machen, aber Veranstaltungen, wie wir sie jetzt wieder auflegen können, wie beispielsweise Bewerbungstrainings für verschiedene Berufsgruppen, das ging vorübergehend nicht. Aber wie gesagt, da ist jetzt wieder mehr möglich.

Ein bisschen gemischt ist die Bilanz in Bezug auf die personelle Kontinuität in den Staatlichen Schulämtern. Hier haben in den letzten Jahren im Main-Taunus-Kreis öfters die Ansprechpartner gewechselt. Das ist auch in Ordnung, bedeutet aber, dass wir noch nicht richtig wissen, wie man in diesem wichtigen Kooperationsbereich kontinuierliche Strukturen aufbauen können.

Insgesamt ziehe ich eine positive Bilanz. Die OloV-Strukturen gibt es jetzt schon neun Jahre. Die Marke OloV ist sehr präsent. Es ist immer wieder eine Aufgabe, die Entscheidungen der einzelnen Institutionen in OloV einzubinden. Das muss man dann auf der regionalen Ebene einfordern und sagen: Moment mal, ihr müsst euch aber mit uns abstimmen. Das heißt, man muss in OloV auch hin und wieder regional die Ellbogen ausfahren und sagen: OloV hat hier eine richtige Funktion und ist die Dachmarke für den Übergang Schule - Beruf.

"Konkrete Ideen sollte man umsetzen und sich nicht entmutigen lassen."

M. Sittig: Welche Empfehlungen würden Sie für Ihren Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin formulieren?

P. Rill: Ich denke, man muss einerseits sehr pragmatisch einschätzen, was man im Kontext OloV machen kann und vielleicht auch sehr pragmatisch einschätzen, wo die Grenzen sind. Man muss schauen, dass man als OloV-Steuerungsgruppe gut ist, gute Ideen hat und im Kreis sichtbar wird.

Konkrete Ideen sollte man umsetzen und sich nicht entmutigen lassen. Ich finde es auch wichtig, dass man nicht zu sehr auf Show-Effekte setzt. Es gibt eine Tendenz, sehr viel über Hochglanz-Broschüren und Plakate abzubilden. Dieser Versuchung sollte man nicht zu sehr unterliegen. Man sollte schon nach fachlichen Erfordernissen steuern und mit seinen Netzwerkpartnern kooperieren.

Also: pragmatisch einschätzen, konkrete Sachen umsetzen und nicht zu viel heiße Luft machen. Und trotz allem Pragmatismus sollte man die Visionen nicht aus den Augen verlieren.

Und man sollte sich nicht von dem vermeintlich undurchschaubaren Geflecht in der Jugendberufshilfe einschüchtern lassen. Vielleicht wäre das mal ein Anlass sich zu überlegen, ob dieses System nicht ein bisschen einfacher gestrickt sein könnte. Es sind so viele Ministerien mit so vielen Programmen und so vielen Interessen unterwegs, dass das sicherlich auch heute wieder ein Dschungelbuch gäbe, wenn man es anlegen würde.

"Der Erfolg bei der Schaffung von Übergängen in den Beruf ist sehr stark von einer guten Weiterentwicklung des allgemeinen Schulsystems abhängig."

M. Sittig: Herr Rill, gibt es noch etwas, das Sie ergänzen möchten?

P. Rill:Ich bin stark in dem Bereich Schule und Schulentwicklung eingebunden. In diesem Bereich spielt sehr viel Entwicklungsmusik, und der Erfolg bei der Schaffung von Übergängen in den Beruf ist von einer guten Weiterentwicklung des allgemeinen Schulsystems und von einer ganztägigen Bildung und Betreuung abhängig. Das ist mir ein Anliegen, dass das Schulsystem sich besser aufstellt, gerade im Kontext mit echten Ganztags- und Förderangeboten.

M. Sittig: Vielen Dank für das Interview, Herr Rill.

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