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„Unsere Utopien sind längst gedacht, wir müssen nur lernen, sie praktisch umzusetzen“

Interview mit Maria Zeitler, Regionale OloV-Koordinatorin im Odenwaldkreis

Frau Zeitler, das „Netzwerk Übergang Schule - Beruf im Odenwaldkreis“ war bereits zu Beginn der OloV-Strategie aktiv. Sie waren von Anfang an als OloV-Regionalkoordinatorin des Odenwaldkreises dabei. Dieses Amt hatten Sie bis Juli 2020 inne. Pünktlich zum 15-jährigen Jubiläum der OloV-Strategie verabschieden Sie sich nun in den Ruhestand. Wenn Sie zurückblicken auf die damaligen Themen und Herausforderungen, was hat sich aus Ihrer Sicht geändert, was ist geblieben?

Ich will mal mit einem Bild beginnen. Unsere Anfänge kann man mit einem Hausbau vergleichen. Man braucht ein Grundstück und ein stabiles Fundament (unsere Region mit den Verantwortlichen). Wir haben zunächst die Rahmenbedingungen (Kooperationsvereinbarung) für unser Projekt schaffen müssen, die Akteure sind gewissermaßen die Stützwände im Rohbau. Dann haben wir überlegt, wie viele Zimmer wir in etwa brauchen und haben Themenräume mit flexiblen Wänden daraus gemacht. Es gab etliche Bausteine in unserem Bestand, die wir zum Aufbau verwenden konnten. Wir haben die offenen Räume bedarfsorientiert gestaltet und mit Möbeln (Maßnahmen, Fortbildungsangeboten, Informationen) ausgestattet. Im Dokumentationszimmer werden die Ergebnisse gesichert, transparent gemacht und einem Controlling unterzogen. Und last but not least hat uns OloV mit einem hervorragenden Dach nicht im Regen stehen lassen und mit finanziellen Mitteln, Rat und Tat unter die Arme gegriffen.

Wir haben unsere Kommunikationsstruktur aufgebaut und die Bedarfe ermittelt, strukturelle Verbesserungen vorgenommen, die fächerübergreifenden Curricula in den einzelnen Schulen wurden erarbeitet. Informationen transportierten wir u.a. über unsere OloV-Website, über wissenschaftliche Untersuchungsaufträge zur Situation an Schulen, mit dem Auflegen eines Netzwerkhandbuchs und verschiedenen Flyern. Transparenz und Austausch finden in unseren nach wie vor regelmäßigen Sitzungen des operativen Netzwerks und der OloV-Steuerungsgruppe im Odenwaldkreis statt. Wir entwickelten neue Formate wie die Veranstaltung „Talent trifft Berufe“. Unser Berufsorientierungsmaterial „Job-Bingo-Karten“ wurde zum Erfolg.

Veränderungen zu den Anfängen gibt es sicherlich, die Welt dreht sich ja weiter. Wir können, um im Bild zu bleiben, auf unser solide gebautes Haus zurückgreifen, dennoch haben sich manche Möbel abgenutzt, sind überholungsbedürftig und manche Neuanschaffung steht an. Wichtig ist, dass wir die notwendigen Investitionen wohl überlegt tätigen. Sie müssen den Anforderungen an ein digitales Zeitalter gerecht werden, allerdings nutzt Hightech nichts, wenn es nicht bedient werden kann oder ein ausgereiftes Konzept fehlt.

Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie im Augenblick für die Akteure im Übergang Schule - Beruf?

Wo wir an der einen oder anderen Stelle tatsächlich stehen, hat uns zuletzt die Corona-Krise deutlich offenbart. Wir brauchen tragfähige technische und pädagogische Konzepte, mit denen wir schneller und flexibler reagieren und Veränderung aktiv mitgestalten können. Sonst verpuffen unsere Energien während wir den Entwicklungen hinterherlaufen.

Unser Netzwerk hat das Potenzial dazu, davon bin ich überzeugt. Es treffen so vielfältige „Gewerke“ aufeinander, da ist viel Kompetenz am Start. Die Mitglieder des Netzwerks haben Gestaltungswillen und wissen, dass sie auch diese Aufgabenstellungen wieder nur gemeinsam bewältigen werden. Jedes Mitglied hat aufgrund seines Aufgabengebietes seinen eigenen Blickwinkel, zusammen gibt das ein spannendes Ergebnis.

Beim Thema Digitalisierung reicht uns die Umgestaltung lediglich eines Raumes in unserem gemeinsamen Haus nicht mehr aus. Hier müssen wir einen Anbau tätigen, am besten einen Wintergarten mit innovativem Mobiliar und viel Weitblick und Transparenz.

Unsere regionale Strategie im Übergang Schule - Beruf für den Odenwaldkreis 2020 - 2023, die am 13.01.2020 von Landrat Frank Matiaske, dem Ersten Kreisbeigeordneten Oliver Grobeis und mir, in der Funktion als regionale OloV-Koordinatorin, unterzeichnet wurde, ist Grundlage für die Weiterentwicklung in den nächsten vier Jahren. Darin spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Ich will nicht alles einzeln aufführen, das kann man in der Strategie nachlesen.

Die Pandemie hat uns alle überrascht, die Auswirkungen sind nicht wirklich abzuschätzen. Die Digitalisierung der Lehr- und Lernkonzepte, auch für die Berufliche Orientierung, gehört nun unbedingt zu den dringlichsten Aufgaben, wenn wir die beiden Schuljahrgänge nicht in größerem Umfang verlieren wollen. Die Erreichbarkeit aller, insbesondere auch der sozial benachteiligten Schüler/innen, erfordert eine funktionierende technische Ausstattung, angemessene Lehrpläne und eine solide Fortbildung der Lehrkräfte. Nehmen wir doch auch die Jugendlichen als Berater/innen für digitale Angebote mit in die Entwicklungsphase hinein. Das Motto könnte lauten: Lehrer/innen und Schüler/innen – fit für die Zukunft – gemeinsam schaffen wir das!

Die Vermittlung in Ausbildung ist eine Aufgabe, die in diesem und im nächsten Schuljahr zur großen Herausforderung werden kann. Weniger Berufliche Orientierung in den Schulen und weniger Ausbildungsplatzangebote aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs könnten besonders die Schwächeren treffen, die dann bestenfalls ins Übergangssystem einmünden.

Wir sollten uns Alternativen überlegen, wie wir dennoch den Fachkräftebedarf nicht aus den Augen verlieren. Das bewährte Modell der Verbundausbildung kann ein Baustein sein. Wenn Betriebe nur einen Teil der Kosten für einen Auszubildenden tragen müssten, könnten insbesondere kleinere Betriebe dieses Risiko eher eingehen. Ein einmaliger finanzieller Anreiz, wenn er nicht an zu viele Fördervoraussetzungen geknüpft ist, hilft zwar, aber rechnet sich weniger. Wir können an mehreren Stellschrauben drehen. Nur müssen wir das schneller tun, damit wir nicht zu viele junge Menschen auf der Strecke verlieren.

Wie schafft man es, allen Interessen in der Region gerecht zu werden?

Wir müssen in der Region genau hinschauen, hinhören, uns in das einlesen, was ist und uns dann fragen, ob dies unseren Ansprüchen und den Erfordernissen des stetigen Wandels auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt noch genügt. Nach der Analyse führt vor allem die Frage „Warum brauchen wir das?“ ans Ziel. Sie lenkt direkt zu den Diskussionen, die wir in der Steuerungsgruppe und in unserem operativen Netzwerk führen müssen, um den Kern zu erfassen. Erst am „Warum“ entlang erarbeiten wir die damit verbundenen Aufgaben, Instrumente, Zuständigkeiten und Notwendigkeiten.

Als Fachleute im Übergang Schule - Beruf stehen wir in der Verpflichtung Antworten zu finden und Nöte abzubauen. Weit mehr: Wir müssen positive Strukturen und Angebote schaffen, in denen es jedem einzelnen jungen Menschen möglich sein kann, seine Fähigkeiten und Neigungen zu entfalten, egal aus welchem Elternhaus er kommt. Diesbezüglich stehen wir im internationalen Vergleich noch nicht wirklich gut da.

Ein kluges System berücksichtigt die Individualität der einzelnen Jugendlichen und gleichzeitig die Anforderungen des Arbeits- und Ausbildungsmarktes. Nur so können wir allen gerecht werden.

Nehmen wir beispielsweise die Pflegeberufe. Ist das nur ein Gefühl, dass junge Menschen weniger in die Pflegeberufe gehen wollen oder bildet sich das auch in Zahlen ab? Was braucht es, damit diese Berufe einen höheren sozialen Status bekommen? Damit sich die Arbeitsbedingungen verbessern und den Beschäftigten mehr als Mindestlöhne gezahlt werden? Wenn wir etwas daran verändern wollen, müssen wir wieder nach dem „Warum“ fragen und uns ehrliche Antworten geben. Schauen wir mal, was in den systemrelevanten Berufen außer der Einmal-Bonuszahlung nach Corona noch ankommt.

Wir als Expertinnen und Experten haben einen Erfahrungsvorsprung aufgrund unseres Alters, wir haben die Bildungsinstitutionen erfolgreich durchlaufen. Wir sollten aufpassen, dass uns dieser Erfahrungsvorsprung nicht zum Nachteil wird, weil die Lebenswelten der Jugendlichen andere sind und wir mit unseren Themen und Methoden die Jugendlichen nicht mehr „bewegen“ könnten. Wenn wir sie ernst nehmen und ihnen zuhören, könnte es uns besser dabei helfen, ihre Potenziale zu heben.

Die Mitglieder im Netzwerk Übergang Schule - Beruf im Odenwaldkreis vertreten an erster Stelle die Interessen ihrer Institution, und das ist auch richtig so. Die Zusammenarbeit über die Jahre hinweg hat aber auch allen bewusstwerden lassen, dass wir das eine nicht ohne das andere erreichen werden, dass wir nur in einer vertrauensvollen Kooperation gemeinsam für unsere Region das Beste hervorholen. Einen langfristigen Mehrwert gibt es nur gemeinsam.

Wie empfinden Sie rückblickend den OloV-Prozess in Ihrer Region?

Ich denke, wir haben das ganz gut gemacht. Natürlich war es anfangs nicht leicht das Vertrauen der Institutionen für dieses regionale OloV-Netzwerk zu gewinnen. Aber wir hatten im Odenwaldkreis bereits mit unserem europäischen Jugendberufshilfeprojekt „Spinach“ und den Kooperationen der weiterführenden Schulen mit den Betrieben (über das Projekt Verbundausbildung) gut vorgelegt. OloV hat uns dann sozusagen nach vorne gepuscht. Besser hätte das Timing nicht sein können. Auch dank der finanziellen Unterstützung durch OloV konnten wir nach und nach die relevanten Institutionen zur Mitarbeit gewinnen. Die Mitglieder erkannten den Nutzen des Netzwerks, sie waren ein Teil davon und lernten sich gegenseitig besser kennen. So konnte eine vertrauensvolle Basis geschaffen werden, was dann in die gemeinsame Kooperationsvereinbarung mündete.

„Pädagogik meets Wirtschaft“ ist natürlich ein Spannungsfeld. Nicht immer ist auch alles gut, was möglich ist. Individuelle Förderung und Bildungsaneignung stehen einer Zweckorientierung und Verwertbarkeit erst einmal entgegen. Es braucht Zeit und gut ausgebildete Begleiter/innen mit motivierenden Angeboten, damit junge Menschen den Übergang in das Berufsleben und in die Betriebe schaffen. Dieser Herausforderung stellen sich die Mitglieder im Netzwerk, und sie machen das sehr gut.

Vor kurzem fiel mir wieder das Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ von Ellen Key, einer schwedischen Reformpädagogin und Lehrerin, in die Hände. Sie lebte 1849 – 1926, die erste deutsche Ausgabe erschien 1902. Was sie zur Zukunft der Schule schreibt, hat nichts an Aktualität eingebüßt.

Manchmal denke ich, wir müssten eigentlich schon weiter sein. Unsere Utopien sind längst gedacht, wir müssen nur lernen, sie praktisch umzusetzen. Diese geistigen Vordenker/innen, wie Ellen Key, waren wahrscheinlich auch meine unsichtbaren Mitstreiter/innen, die mich mein Berufsleben lang begleiteten und mir mit Rat und Tat und auch Trost zur Seite standen, mich auch manchmal stoisch werden ließen, wenn es mal wieder geknirscht hat, im Getriebe der Eitelkeiten, politischen Zwänge und Zuständigkeitsrangeleien. Sie haben mich immer wieder zur Zielgruppe zurückgebracht und an die Verantwortung erinnert, die wir für sie zu tragen haben.

Hat Ihnen die hessenweite Vernetzung bei Ihrer Arbeit vor Ort geholfen?

Es war enorm wichtig, dass der Austausch mit den anderen Regionen über die hessenweite OloV-Koordination bei INBAS hergestellt war. Die fachliche Unterstützung, die Fortbildungsangebote, die Treffen der Regionalkoordinationen und das breite Angebot für alle weiteren Akteure, die Regionalkonferenzen, und vieles mehr, sind ohne Zweifel ein Grund dafür, dass immer noch alle hinter OloV stehen. Wir lernen über diesen Austausch viel mit- und voneinander, was uns in unserer alltäglichen Arbeit bereichert.

Für die Zukunft wäre es sicher auch spannend, sich im Rahmen von OloV über die Übergänge Schule - Beruf in anderen Ländern auszutauschen. Wir haben aus unserem langjährigen europäischen Projekt viele Anregungen für unsere Arbeit im Odenwaldkreis mitnehmen können.

Eine weitere Erfahrung, die ich machen durfte, war, dass wir „nach oben hin“ gehört wurden. Es war immer möglich seine Meinung zu äußern und in einen Aushandlungsprozess zu gehen. Manchmal musste man etwas öfter wiederholen, aber meist konnte am Ende eine Lösung gefunden werden (z.B. bei der Finanzierung der OloV-Assistenzstellen als Entlastung der regionalen Koordinationen). Auch als Vertreterin der regionalen OloV-Koordinationen in Südhessen konnte ich diese Erfahrung des „Gehört-werdens“ machen.

Welche Empfehlungen würden Sie anderen geben?

Netzwerken basiert auf Austausch und Aushandeln. Dabei darf man das Ziel nicht aus den Augen verlieren. In diesem Prozess muss man jede/n mitnehmen, das erfordert viel Geduld. Manchmal muss man auch eine Ehrenrunde drehen, um ans Ziel zu kommen. Deshalb empfehle ich ein gewisses Maß an Gelassenheit.

Für mich war es eine bereichernde, wunderbare Zeit, an die ich gerne zurückdenke, die ich auch vermissen werde. Denn der Übergang Schule - Beruf ist ein spannendes Thema und wird auch mein Thema bleiben. Ich werde es eben zukünftig von der Seitenlinie aus gelassen weiterverfolgen.

Frau Zeitler, vielen Dank für dieses Interview.

Stand: 10.07.2020

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